Artikel vom 4.10.2017 in der "Offenbach Post"

REZENSIONEN

Von Kerstin Fischer (Literaturblog "ROSINANTE")

Francisco Cienfuegos. … und bricht das herz die einsamkeit?

„ein Klang /spitz blaukantig / der im Schatten / lodernder Salzluft / nie verglühte“.

Die Hommage des in Andalusien gebürtigen Lyrikers Cienfuegos an den Klang ist unendlich schön, verträumt und Thema des ersten Gedichts dieses leisen Bands, dem die Melodie des Fließens den tragenden Rhythmus verleiht. Dieses Fließen sucht die Entgrenzung, ist aufgeregt, scheint unkontrolliert, wie jenes von Aquarellfarben, die auf ein sehr nasses Papier aufgetragen werden. Gerade jene Unkontrolliertheit wird den Gesetzen wirklicher Lyrik wohl in besonderem Maße gerecht, weil sie der Phantasie Räume eröffnet, die jede Prosa streng verschlossen hält. Das Fließen flutet bei diesem Lyriker sogar Sprachgrenzen. Viele der Gedichte Cienfuegos sind zweiteilig, in Deutsch und Spanisch abgefasst. Und wer Spanisch nicht versteht, wird dennoch von den Wellen emotionaler Rhythmik getragen, die Strategien vorgeben, mittels derer die Einsamkeit sich überwinden lässt. Dies eines der Hauptthemen, obwohl die Einsamkeit als solche ohne Schrecken scheint, eher wie eine unnahbare, graugekleidete Prinzessin daherkommt, die mit geweißtem Gesicht zwischen den zarten Verästelungen in den Gedichten flaniert. Kühl und souverän, nicht aber bedrohlich.  „Auf frisch gefallenem Schnee / liegt nun brach der Tag, der aus all den Dingen, / die in ihm verschlungen / vergingen / entstand “.

Dann wieder glaubt man es mit einem feinen Papiertheater zu tun zu haben, wenn die Frage nach dem Ursprung des Namens „Aliceplatz“ aufkommt. „Zunächst / nur ein Ort / aus Asphalt // Aliceplatz // Und dann die Frage / die der Mattheit / verschlissener Fassaden widerstrebt / die Dunkelkammer aufreißt / das taube Herz aufhorchen lässt“.

Alice ist nur eine Erfindung, stellt sich heraus, aber sie lebt dennoch in den Metamorphosen der Tagträume – Dank der Magie der Lyrik, nur ihr kommt diese Fähigkeit zu. Und Cienfuegos ist ein Meister seines Fachs. Er beherrscht die Klaviatur der Zwischenwelten, die die Ebenen der Wahrnehmung von Kunst immer wieder neu definieren. „bevor sich das erste / leise gefaltete Blau / zu verwischtem Schweigen glättete“. Ist diese Klaviatur auch nur eine Erfindung? Oder ist Erfindung schon Zwischenwelt? „und immer nur / deine Hände fand / die meine Stimme / wie aus Nachterde ausgegraben / entkleideten“. Auch diese Übergänge sind fließend, solange wir unsere Sinne den gläsernen Labyrinthen solch hervorragender Lyriker anvertrauen.

„ein Vers / entschweigt / Licht // und als Gedicht / kommst du zurück“.

Francisco Cienfuegos. … und bricht das herz die einsamkeit?, Größenwahn Verlag, 2018

http://groessenwahn-verlag.de/verlagsprogramm/und-bricht-das-herz-die-einsamkeit/

VON EDGAR WEICK (Bunter Tisch Höchst/Höchster Literatur-Genuss)

Auf der Lichtung der Poesie – die Gedichte von Francisco Cienfuegos

 

Sie klingen, diese Gedichte, sie erzählen, sie fließen dahin, sie beflügeln, sie richten den Blick auf Vertrautes, Neues wird entdeckt. Sie durchkreuzen die eigenen Gedanken, alltägliche Wörter offenbaren einen unerwarteten Hintersinn, sie bringen Festgefügtes durcheinander, Gewißheiten zerbröckeln, sie lassen aufhellen, was sich im Dunkeln verbirgt, das Zwielichtige bekommt seine Deutung, sie stiften Orientierung, sie erzeugen Lust auf Veränderung - diese Gedichte von Francisco Cienfuegos. Sie sind etwas ganz Besonderes.

 

Ich habe diese Gedichte gesucht. Mit dem 2015 erschienene kleine Bändchen „Reger Laut im Zwischenraum“ wurde ich in ein lyrisches Gelände voller Überraschungen gelockt. Und auf einer

„Lichtung im Gedankenwald“ entdecke ich:

 

du siehst, was du erschaffst

du erschaffst, was du begreifst

wenn du

es

verstehst

kannst

du

es

verändern

 

Die berühmte 11. Feuerbach-These von Karl Marx „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“ bekommt hier einen neuen, wie mir scheint weiterreichenden Kontext. Die Wort- und Sprachspiele in diesen Gedichten lockern das Denkgefüge des Beharrens und bringen Leben in das Gelähmte und Erstarrte. Das Entriegeln, Entknoten, Entgrenzen ist auf ein Erkennen in praktischer Absicht gerichtet. Das erhellende Gedankenspiel auf der Lichtung der Poetik, die Spiralen und Treppen, in denen sich das Suchen vorarbeitet, wird auch graphisch sichtbar. Ein schönes Buch ist so entstanden. Ich bin heute noch Safiye Can dankbar, daß sie mich mit Francisco Cienfuegos bekannt gemacht hat. Sie war im Oktober 2012 die erste Autorin beim „Höchster Literatur-Genuß“ und so kam es denn auch, daß Francisco Cienfuegos im November 2016 unser Autor bei der 13. Lesung war.

 

"Lebendig sein kann man nicht

für sich allein"

steht am Ende eines Gedichtes „Entscheidung“ in dem 2018 erschienenen Band  „… und bricht das herz die einsamkeit“. Die scheinbar so selbstverständliche Feststellung wird durch die Überschrift neu und anders gelesen. „nehme dich an“, steht am Ende eines Gedichtes „Zehn Sekunden“ mit ernsten Reflexionen über ein beschädigtes Leben. In der Gegenwart, die als das „gegen-wärtige“ in den Blick genommen und aufgeschlossen wird, tritt der „Widerstand“ sichtbar hervor. In einem Zyklus von zwölf Szenen über die Verwandlung der Einsamkeit und Fremdheit sind diese Zeilen zu finden. Es sind scharfe Gedankenblitze, es wird ausgelotet, was den Menschen zum Fremden macht, was ihn daran hindert auszusprechen und eben nicht auszudenken, was durchdacht werden muß.

"das ausgedachte

ist das ende

wenn es nicht

weiter gedacht

werden kann

ist es

ausgedacht

dem denken

ein ende setzen

ist ausdenken"

 

Die Gedichte durchschreiten Differenzen und Spannungen. Sie tauchen ein in Abgründiges und suchen hier die Gründe für die Erfahrungen des Abgrunds. Sie suchen in den Entfernungen die „entfernte Nähe“. Die dialektische Aufhebung des Widerspruchs durchzieht wie ein roter Faden die Gedichte von Francisco Cienfuegos - und damit die Heimkehr des Menschen zu sich selbst, heiter und ernst zugleich, in ein Blütenreich der Worte gefaßt. Francisco Cienfuegos ist ein leidenschaftlicher Lyriker, ein scharfer Kritiker und einer der Wenigen, der festhält an der Utopie, einen Ausweg aus der Inhumanität dieser Welt zu finden.

Stadtjournal "Mut&Liebe", Ausgabe Juni 2018

VON MIRANI MESCHKAT (Lyrikerin, Autorin)

schon sein erster gedichtband "reger laut im zwischenraum" hat mir außerordentlich gut gefallen, doch dieser zweite, auch optisch sehr liebevoll gestaltete, führt noch weiter. "und bricht das herz die einsamkeit?" klingt bis in jene regionen des menschseins hinein, wo sich etwas unendliches erahnen lässt. francisco cienfuegos lyrische sprache nimmt mich mit auf eine reise jenseits der worte, in richtung meiner eigenen essenz. es beginnt immer mit bildern und angerisssenen geschichten, mit persönlichem erleben, doch wieder und wieder werden grenzen überschritten. "... auf dem fenstersims vergossene stille, die nach klang hungert..." ja, denn der klang eines wortes reicht viel tiefer als seine bloße bedeutung. er kann die welt aus den angeln heben. und auch eine neue erschaffen. dies wird nur in der stille erfahren, in der einsamkeit, die jeder mensch in sich trägt. und erst im annehmen dieser einsamkeit keimt eine zarte zugehörigkeit auf, eine zugehörigkeit zum wort, zu den sprachen, den leben und wohnorten der menschen. so entsteht ein wirkliches zuhause. jedes mal, wenn ich aus so einem gedicht wieder auftauche, bekomme ich lust, es noch mal zu lesen, und zwar laut. diese wunderschönen gedichte werden noch lange in mir nachklingen.

Zeitschrift "Begegnung der Kulturen" (Stuttgart), Ausgabe März 2018
Lesung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2018

Offenbach Post, Mai 2018

Eindrücke aus der Buchpräsentation  am 7. März 2018 in Frankfurt

Mit Ismael Alcalde an der Gitarre

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